Smarte Brille II („Anzu“ von Razer )

Ich komme in das Alter von Gleitsichtbrillen. Das will ich mir a) noch nicht eingestehen und b) ist die Veränderung meines Sehvermögens mit Sicherheit noch nicht abgeschlossen. Daher steht ein Zwischenschritt an – eine Bildschirm- und Lesebrille. Und da war sie wieder da, die Idee eines Wearables, wenn’s schon keine Smartglasses werden sollen.

Intro

Ich halte fest, ich brauche eine zweite Brille. Meine seit über 30 Jahren präferierten (perfekt Kreis-)Rund-Brillen sind mal wieder überhaupt nicht Mode, aber gerade startet Razer eine fast runde „smarte“ Brille namens „Anzu“. Dieser erschließt sich mir nicht (s. dazu die Wikipedia), aber da „Razer … die weltführende Lifestyle-Marke für Gamer“ ist, kann sich das aus diesem Metier rekrutieren. Was das erste Kompatibilitätsproblem heraufbeschwört: Ich bin kein Gamer. Meine Kids schwanken daher im Angesicht (im wahrsten Sinne) dieser Brille von Heiter- zu Peinlichkeit.

Zurück zum Produkt von Razer

Die Anzu soll v.a. eine Bildschirmbrille sein, die mit Blaulichtfilter- aber zum evtl. Wechseln auch getönten Sonnenschutzgläsern ausgeliefert wird. Beide Varianten sind irrelevant für mich und daher habe ich vorab mit meinem Optiker geklärt, ob er mir in diese Fassung exakt meine Bildschirmarbeitsplatzbrille macht. Das ging und daher habe ich sowohl im Onlineshop von Razer als auch bei dem Optiker meines Vertrauens geordert. Bei letzterem, also hinsichtlich der Optik, habe ich dann allerdings nur eine Superentspiegelung und keine sonstige Filterung gewählt, weil ich die Investition schlank halten wollte. Damit habe ich allerdings eine Grundidee der Brille schon mal ausbauen lassen…

Die Brille bietet via 5.1-Bluetooth v.a. aber auch eine Headset-Funktionalität – und genau das war für mich kaufentscheidend. In den Bügeln sind also Mikrofone sowie Lautsprecher verbaut, die das Ohr von außen bespielen, also keine Knochenschall-Technik wie bei meinem letzten Versuch mit der Brille von Vue. Die Qualität der (omnidirektionalen) Mikrofonie ist hinreichend gut. Gleiches gilt hinsichtlich der Soundqualität der kleinen Lautsprecherchen. Ich bin generell kein Kopfhörer-Typ – diese Art zu hören ist bei mir mehr ein notwendiges Übel als eine Vorliebe (also auch teuerste Kopfhörer haben mich bislang nicht zu faszinieren vermocht). Aber in Zeiten von arbeitstagdurchgängigen ViKos im Open Space-Büro sind sie kollegiale Pflicht und in dieser Anwendung müssen sie auch „nur“ möglichst gute Sprachverständlichkeit, hervorragenden Tragekomfort, idealerweise kabellosen Anschluss und wenn diese Bauart, dann bitte lange Akkulaufzeiten und geringe Latenz mitbringen. Das sind also für mich die Prüfkriterien dieses Kombiprodukt.

Hinsichtlich der Sprachqualität ist die Anzu schon mal sehr gut. Via der App gibt’s einen „Mini-Equalizer“, wo drei unterschiedliche Klang-Presets zur Wahl stehen. Das ist nicht superambitioniert, aber vielleicht kommt mit der Weiterentwicklung der App an der Stelle noch mehr. Zudem ist in der App die Touch-Bedienung für die Musik- und Anrufsteuerung, die in den Bügeln integriert ist, erklärt und bei Bedarf auch frei zuweisbar.

Der Tragekomfort ist für meinen Kopf hervorragend: Dank meiner Wahl von Glas und damit kein leichteres Plastik für die Optik, wiegt das nicht gerade zurückhaltende Ensemble in meiner Brillenstärke zwar 56 g (meine „normale“ Brille liegt demgegenüber bei 13 g!), aber das ist dennoch gut tragbar. Für einen Outdoor-Einsatz bspw. beim Fahrradfahren kann ich kein Feedback geben, weil ich mit der Optik tatsächlich nur lese und arbeite. Alles andere ist visuell unangenehm, da nehme ich also lieber meine normale Brille(nstärke), wo ich nicht nur im Nahbereich eine Korrektur meiner Fehlsichtigkeit habe.

Hinsichtlich der Latenz soll die Anzu laut Herstellerangabe spitze sein, sie bietet in einem Gaming(!!, s.o.)-Modus diesbezüglich 60 ms. Ich habe das via App eingeschaltet, bislang aber noch keinen Unterschied bemerkt (vielleicht sollte ich dazu was spielen…). Was für mich cooler gewesen wäre, ist eine Bluetooth Multipoint-Verbindung, mit der man sich gleichzeitig mit zwei Devices verbinden und dann easy hin- und her connecten kann. Also von ViKo zu Telefon und wieder zurück. Das macht aber nach meinem Kenntnisstand derzeitig noch keine der am Markt befindlichen Alternativen.

An Zubehör sind neben den beiden Sätzen an Gläsern ein USB-A-Ladekabel, ein Reinigungstuch und eine Tasche mit dabei.

Outro

Ich habe die Anzu jetzt auf allen meinen Devices laufen: MacBook Air 2018 mit Bootcamp-Installation, also auf MacOS und auf Windows, iPhone SE, iPad 6. Gen und Huawei P30. Auf dem MacBook Air auf Windows funktioniert das Mic nicht, also nur der „Kopfhörer“. Das ist aber bei allen Bluetooth-Headsets bei mir so und scheint mein spezifisches Windows-Problem zu sein. Bei den anderen Kombinationen passt alles und die App auf iOS und Android unterscheidet sich hinsichtlich Funktionalität und Bedienung nicht.

Fazit: Ich teste weiter, aber im Moment ist das technisch schon sehr gut. Auch die Akkulaufzeit ist voll ok – ich komme bislang locker einen Arbeitstag durch. Und es fühlt sich dabei auch gut an, sich selbst ungedämpft sprechen zu hören; man redet dann mitunter leiser. Ob es auf Dauer eine gute Idee ist, einen offenen „Kopfhörer“ ohne ANC fürs Arbeiten einzusetzen, wird sich zeigen. Vielleicht gibt’s dann parallel noch einen klassischen (Mickey Mouse-) Over-Ear-Kopfhörer, denn die In-Ear-Modelle sind für mich nach mehreren Versuchen alle nüscht. Ein Nachteil offenbarte sich jedoch relativ schnell: Fürs tägliche Wasserbad in meinem Ultraschallreiniger ist die Anzu gänzlich ungeeignet (s. obiges Beitragsbild ;-)).

Links

Ich mit smarter Brille („Trendy“ von Vue Glasses)
Der vorangegangene Selbstversuch in gleicher Mission

http://www.optik-sichtwerk.de
Mein Optiker

https://www.razer.com/de-de/mobile-wearables/razer-anzu-smart-glasses/RZ82-03630800-R3M1
Die Anzu-Seite im Hersteller-Shop

Ich mit smarter Brille („Trendy“ von Vue Glasses)

Nun mal ein Beitrag in sehr eigener Sache. Zu dem Thema Smart Glasses to be more precise. Denn das ist die praktizierte Digitale Self-Transformation eines Brillenträgers.

Vue Glasses war bereits 2016 ein mich sehr interessierendes Crowdfunding-Projekt auf Kickstarter. Damals hatte ich noch keine Ahnung von Singularity-Ansätzen eines Herrn Kurzweil, aber ich fand diesen allerersten brillenträgerfokussierten Schritt schon sehr cool. Bestellt habe ich dennoch nicht. Mit einigem Verzug sind die Brillenfassungen mit Smartphone-Connect dann tatsächlich auf den Markt gekommen. Und nun musste ich doch zuschlagen.

Um es vorwegzunehmen: Es funktioniert technisch prächtig. Ich habe die Brille an meinem iPad 2018, meinem iPhone 8 und meinem Huawei P30 problemlos getestet. Bei Musik finde ich sie dann aber doch etwas unangenehm, weil sie mit der Knochenübertragung etwas vibriert. Bei Stimmen ist das nicht der Fall. Und das ist mein Standardfall: Telkos, Vikos und normale Telefonate. Für diese Anwendungsfälle ist es allerdings schade, dass kein gleichzeitiges Pairing an zwei Devices unterstützt wird. Denn Musik genieße ich mit entsprechenden Dezibel lieber als soziales (damit die Nachbarn auch was davon haben!) Ganzkörpererlebnis.

Um es abzuschließen: Es funktioniert mit meinem Kopf nicht. Nach etwa zwei Stunden Tragezeit haben die Adaptoren für die Knochenübertragung unangenehm gedrückt. Das war mit kurzen Aufsetzen definitiv nicht zu spüren, sondern erst im Langzeittest zu ermitteln. Die Idee ist aber (auch nach dem Scheitern von Google Glasses immer noch) gut. Irgendwann wird auch Apple mit einem diesbezüglichen Produkt starten und Bosch (!!) hat im Januar auf der CES eine interessante Eigenentwicklung gezeigt. Das sind beides echte Smartglasses-Konzepte mit Mixed-Reality-Funktionen. Die einfache Variante, also letztlich nur ein Bluetooth-Headset in einer Brillenfassung, gibt es alternativ zu Vue von Bose, nur in den USA bzw. zumindest derzeit noch nicht bei uns gibt es von Amazon die Alexa-Brille „Echo Frames“, Huawei ist in Zusammenarbeit mit Gentle Monster schon mit der Generation II am Start und aus Österreich die Firma Fauna . Fazit: Da wird es eines Tages auch irgendwas für mich geben.

Links

https://vueglasses.com
Der Link zur Brille

impulse-Tour „Deutschland digital“: Plattform-Ökonomie – wie neue Geschäftsmodelle Märkte durcheinanderwirbeln

Dr. Holger Schmidt, Dozent an der WHU für Plattformökonomie und Digitalisierung, Dirk von Vopelius, Hauptgesellschafter der Schuster & Walther IT Gruppe AG und Präsident der Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken, Katharina Walter, Gründerin und Geschäftsführerin der Hamburger Lokale-Läden-Plattform Findeling, Robert Mayr, Vorstandsvorsitzender von Datev und Nikolaus Förster, impulse-Herausgeber

Google, Apple, Amazon – der Erfolg von sieben der acht wertvollsten Unternehmen der Welt basiert auf digitalen Plattformen. Ein Trend, dem sich kaum eine Firma – egal, aus welcher Branche – entziehen kann. Wie die Plattform-Ökonomie Märkte durcheinanderwirbelt und wie Mittelständler davon profitieren können, diskutierten gestern Unternehmer und Experten bei einer Veranstaltung des Unternehmermagazins impulse im IT-Campus der Datev in Nürnberg. Podiumsteilnehmer waren:

Zuerst gab’s jedoch eine Heranführung und Einordnung an das Thema sowie Insights zur Digitalisierung der Datev von deren Vorstandsvorsitzenden Dr. Robert Mayr. Aus dem reinen B2B-Markt kommend will die aus fast 40.000 Mitgliedern bestehende Genossenschaft künftig auch Privatpersonen anbieten, ihre Steuererklärung online über das Firmen-Portal (im Verständnis einer Plattform!) zu machen. Ein Vorhaben, das die Branche von Grund auf verändern dürfte – und wozu es eigens eine nicht leicht zu erreichende Satzungsänderung der Genossenschaft bedurfte!

In der Podiumsdiskussion im Anschluss wechselten die Perspektiven und die Einschätzungen zu diesem Thema – vom analytischen Blick der Wissenschaft über den gesamtgesellschaftlichen Blick (bis zur Frage nach dem Purpose), von der konkreten Anwendung für den kleinen Einzelhändler (der Laden als Marke) wieder zurück zur Situation des Mittelstands in Deutschland und die Möglichkeiten, die eine zentrale Plattform für alle steuerlichen Prozesse bietet. Ein Fazit lautete, dass das Erfolgsgeheimnis von guten Plattformen simple ist: Erstens, aus der genauen Kundenkenntnis heraus einen guten Service zu bieten. Zweitens, das mit einer neuen Kreativität zu paaren, die Produkte zum Kunden zu bringen. Es kommt demnach nicht auf die Größe und die Marktmacht von Plattformen an, sondern insbesondere auf eben diese Kreativität.

Outro

Es war eine sehr kenntnisreiche und kluge Gesamtdiskussion, der ich an diesen Abend mit einer Kollegin aus der Shiftschool lauschen durfte. Ab Mitte Mai wird es von impulse einen Kurzfilm zu dem Abend und ein Magazin, das Deutschlands Mittelstand über jüngste Digitalisierungstrends informieren wird, geben. Wir sind gespannt!

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www.impulse.de/deutschland-digital

Zu Gast bei Ranga Yogeshwar: „Nächste Ausfahrt Zukunft – Unser Umgang mit Bildung“

Ranga Yogeshwar bei seinem Vortrag "Nächste Ausfahrt Zukunft" am 27. März 2019 in Fürth

Ich war am vergangenen Mittwoch (mit Kolleginnen aus der Shiftschool) bei einer Vortragsveranstaltung in der Fürther Stadthalle und möchte dazu hier berichten.

Vorab: Der Vortrag war eine Themaverfehlung – es ging nur am Rande um Bildung. Das war für mich überhaupt kein Problem. Herr Yogeshwar hielt einen äußerst kenntnisreichen Vortrag über Digitalisierung, er brachte eine Fülle von anschaulichen Geschichten von dem tiefgreifenden Wandel, in dem wir uns befinden, vor allem stellte er die richtigen Fragen (wollen wir in totaler Transparenz und Rationalität leben, ist das menschlich?), deren Beantwortung er den ca. 800 Zuhörern aber selbst überließ. Das war die große Leistung und damit auch das sehr Angenehme dieses Abends: Keine bis kaum Wertungen zum Für und Wider der Digitalisierung, damit aber auch keine einfachen Antworten, sondern jeder Zuhörer muss (leider) für sich selbst urteilen (und sollte sich selbst in den Prozess der digitalen Transformation einbringen).

Zur Person

Ranga Yogeshwar ist gebürtiger Luxemburger, er ist aber teilweise auch in Indien aufgewachsen. In Aachen studierte er Physik mit den Schwerpunkten „Experimentelle Elementarteilchenphysik und Astrophysik“. Wikipedia kennt seine exakte öffentliche Vita, die möchte ich hier nicht abschreiben. Aber ich erlaube mir die Vermutung, dass der kluge Vortrag letztlich auch aus dem Substrat aus unterschiedlichen Sprachen, Kulturräumen und Religionen seiner Vita entsprang. Wer derart über Grenzen geht, kennt auch im Denken keine Grenzen. Bewundernswert.

Zum Inhalt

Sein Vortrag griff viele Beispiele aus seinem Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“ auf. Zentral waren für mich die Fragestellungen zur „Diktatur der Transparenz“, die uns in China bereits vorgelebt werden. Das „Nothing to hide, nothing to fear“ hat er ganz konkret in die Alltagslebenswirklichkeit projiziert, wo man dann beispielsweise nicht mehr aus dem Spaß an der Bewegung und dem eigenen Willen heraus joggt, sondern sich dem Diktat seines konnektierten Fitnessarmbands unterwirft. Denn die Fitness-App als Datensammler für die Versicherung joggt schließlich mit und entscheidet daraufhin (einzelfallgerecht?!) über den Versicherungstarif. Die freie Entscheidung des „Ich möchte“ weicht dem „Ich werde gemöchtet“. Die vollständige Rationalität, die uns die unfassbar vielen persönlichen Daten aus dieser Transparenz in Verbindung mit Algorithmen anbietet, ist vom Grundsatz her entwaffnend. Aber entscheidend ist dann doch die Frage, ob wir das überhaupt wollen, wo da konkret die Grenzen zu ziehen sind und was letztlich menschlich ist. Denn insbesondere in der Vorhersage liegt dann schon sehr viel Musik. Wollen wir beispielsweise die existentiellen medizinischen Fragestellungen des eigenen Lebens durchdigitalisieren? Er wirbt in dem Vortrag um nicht mehr und nicht weniger, als um das Bewusstsein dieser Fragestellungen und um die nötige gesellschaftliche Debatte. Laut seiner Einschätzung sind wir die erste Generation, die ihre Gegenwart maßgeblich selbst gestalten können. Aber dazu braucht es z.B. auch die Selbsterfahrung, was uns als Gesellschaft glücklich macht. Mit dieser Normierung hätten wir einen Kompass für die Grenzziehung im Ozean der Möglichkeiten durch Digitalisierung.

Er beendet den Vortrag mit einem schönen Zitat von Pablo Picasso: „Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassen doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“ Und mit dem Wunsch, auch in Zukunft die freie Entscheidung tätigen zu können, bei rot über die Ampel zu gehen. Denn als Kind hat er von seinem Onkel in Bangalore vorgegeben bekommen, dass er ruhig bei rot über die Ampel gehen kann, aber insbesondere bei grün genau kucken muss…

Outro

Getroffen: Zwei geschätzte Kollegen aus meiner IHK Nürnberg, die sich beide mit Bildung beschäftigen. Ich bin mal gespannt, was sie von dem Abend/dem Vortrag hielten. Denn leider war direkt vor Ort kaum die Möglichkeit, sich auszutauschen, das Veranstaltungssetting war nicht auf eine Reflexion des eben Gehörten ausgerichtet. Aber die Gustavstraße als kreative Lösung dieses Problems war nicht weit.

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Wat is’n die Shiftschool?

Die Shiftschool ist Deutschlands erste Akademie für digitale Transformation und bietet eine 18-monatige berufsbegleitende Weiterbildung zum Digital Transformation Manager. Ziel ist es, sich mit allen Facetten der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Das (be-)schreibt die Website. Aber was heißt das von innen, wie fühlt sich das an?

Das Konzept der Shiftschool ist eine bunter Strauß, der mich an die Strategie zum Überleben in der VUCA-Welt erinnert. Das bekannte Kürzel steht nämlich auch für vision (Vision), understanding (Verstehen), clarity (Klarheit) und agility (Agilität). Eine Idee der Shiftschool ist daher, das der Kern des bestehendes Weiterbildungsmarkts gerade nicht bedient wird: Die formale Bildung. Klar bekommt man bei der Shiftschool auch ein Zertifikat. Das heißt hier Grad Pad, hat ein Tastatur-Layout und ist schön bunt. Aber darum geht es überhaupt nicht, das möchte erst gar nicht gegen ein MBA-Zertifikat konkurrieren. Vielmehr geht es tatsächlich viel um die persönliche Änderung. Ohne Lust, Leidenschaft (im sehr wörtlichen Sinne!) und die Bereitschaft, sich selbst zu ändern, kann man nämlich kein Botschafter für Veränderung sein. Man wird daher neben der Wissensvermittlung auf hohem Niveau zu allen Facetten der Digitalisierung (das Versprechen der Website geht auf!) ständig angeleitet, die eigene Komfortzone zu verlassen, im geschützten Raum der Schulklasse neue Erfahrungen zu machen und überhaupt einfach mal zu machen und damit die manchmal auch selbstgefällige/selbstschonende Mauer des Aber einzureißen. Und weil das jetzt alles noch nicht wirklich konkret ist, greifen wir auf die gute alte Feuerzangenbowle zurück, stelle ma uns mal janz dumm und lassen das letze Wochenende als erklärendes Beispiel Revue passieren, das allerdings als dreitägige Session, die zudem in München stattfand, eine nochmals intensiveres Erleben bereithielt. Wat is’n die Shiftschool….

Modul 4, Adopt Technology

Der „Lehrplan“ der Shiftschool kennt „Module“ und „Sparks“. Erstere sind größere, in sich geschlossene Zusammenhänge, Sparks dann die darin eingebundenen kleineren Zündfunken mit bewusst sehr interdisziplinären Referenten. Die sollen Lust auf mehr machen, also nicht etwa ein Thema komplett vermitteln, sondern ein Grundverständnis dafür zu wecken und das, wenn es einen berührt, selbstmotiviert in der Klasse und/oder im großen Netzwerk weiter auszubauen.

Mein Kurs, die Class4, startete im Oktober 2018. An dem heutigen Wochenende haben wir mit inzwischen Modul 4 daher schon die Halbzeit unserer 12-monatigen Kursphase erreicht. Nach den Vorgängermodulen zu „Mindset“, „Skillset“ und „Vision“, widmen wir uns jetzt der „Technology“. Das Wochenende steht also unter der Überschrift „Technologische Megatrends als Innovationstreiber“. So let’s go.

Freitag, 8. März, Digital Jaunt

Normalerweise haben wir jedes zweite Wochenende Samstag und Sonntag Präsenz-, also f2f-Unterricht in den Design Offices Nürnberg. Darüber hinaus sieht der „Lehrplan“ der Shiftschool zwei „Safaris“ vor. Einblicke in die Szene/Communitiy, die in dem klassischen Beschulungsformat nicht vermittelbar sind. Das ist im hier beschriebenen Fall München (und wird Anfang Mai Berlin sein).

In der bayerischen Landeshauptstadt ging es (ohne Weißwurstfrühstück) um 10:00 Uhr mit dem ersten Spark im IBM Watson IoT Center in der Mies-van-der-Rohe-Straße los. Uns hat der „HR Thougt Leader“ Sven Semet verarztet. Er ist Informatiker, kam aber bereits 2006 auf die HR-Schiene. Grundsätzlich hat der IBM-Standort München im Konzern (ca. 360.000 MA) die weltweite Verantwortung für IoT, vor Ort haben sie etwa 1000 Arbeitsplätze (700 eigene MA/ 300 Freelancer). Er hat eine sehr starke Demo von sprachlicher Assistenz gegeben. Interessant fand ich seine Einschätzung, dass KI in so ziemlich alles Datenbehaftete/Digitale vordringen wird.

Weiter zu Innosabi. Hier hat Florian Vetter, zuständig für Business Development und Innovationsmanagement, zu uns gesprochen. Innosabi war mal ein Beratungsunternehmen und sind jetzt eine Tech-Company mit etwa 50 MA, die nach seinen Aussagen v.a. von einem gemeinsamen Spirit getragen sind. Als Ergebnis für den Einsatz ihrer derzeit drei Community-Software-Produkte nimmt er schnellere Innovation, skalierbare Kollaboration und genauere Insights in Anspruch. Ich hatte mal über Bande mit denen zu tun: Die IHK München hat innosabi mit https://open.ihk-muenchen.de im Einsatz.

Dann Peakzone und dort ein kenntnisreicher (und folienfreier!) Vortrag von Lorenz Hartung. Die sind ein Accelerator im B2B-Umfeld. I.e. die bringen Unternehmen, die Digitalisierung vorantreiben wollen, aber nicht so recht wissen, wie, bzw. dafür nicht die nötigen Skills in ihrer Organisation haben, mit Start-ups zusammen, die dann mit ihnen projektbezogen zusammenarbeiten.

Die Last Session für diesen Tag war der Diversity-Jam in der ReDi-School of Digital Integration. Das ist ein Non-profit Social Enterprise, das der Zielgruppe von Geflüchteten insbesondere IT- und Programmierkurse, Workshops, Tech-Talks, Unternehmens- und Konferenzbesuche, Hackathons, Career counselling und Employment matchmaking bietet. Im coolen Stylight in der Nymphenburger Straße waren neben uns Shiftschoolies Vertreter von Pro7 und Microsoft (die beide Sponsoren der ReDi-School sind) und diverse externe Teilnehmer dabei. Ein insgesamt sehr bunter und natürlich vollständig internationaler Haufen. Im Vorfeld wurden neun Fragestellungen zum Thema Diversität eingereicht. Diese sollten wir in Gruppen anhand eines Canvas diskutieren und Lösungsansätze erarbeiten.

Das war der (untypische!) Safari-Teil. Der folgte also v.a. dem digitalen Transformations-Paradigma „Get out of the Building“. Wir sollten netzwerken, Eindrücke sammeln, diskutieren. Und genau das ist eingetreten. Das waren alles keine drögen Unternehmenspräsentationen oder gar Verkaufsveranstaltungen, sondern jeweils Austauschplattformen auf sehr hohem Niveau. Wow.

Samstag, 9. März, Spark User Experience

Bei sturmartigen Windböen im 31. Stock der Design Offices München ging es um 9:30 Uhr (wie immer) mit einem „Kunstritual“ los. Wat is’n ’n Ritual? Das ist … „ein von Thor van Horn erfundenes Mindfitness-Format für Gruppen. Innerhalb von zehn Minuten führen die Teilnehmer eine gemeinsame Aktion durch, die einer Kunstperformance sehr ähnlich ist. Sie ist partizipativ, sie irritiert, inszeniert, provoziert, transformiert, ironisiert und erzählt oft eine Geschichte. Sie führt manchmal an persönliche Grenzen, soll Tabuisierungen entlarven und uns dem Punkt näher bringen, sie auch mal brechen zu können. Am Ende der Übungen merken wir, wie Experimentierfreude, Offenheit, Mut, Achtsamkeit und unser Gruppengefühl gewachsen sind.“ So die Theorie. Da gab es bislang beispielsweise ein öffentliches „An der Nase herumführen“, eine Gesangs-Performance, wo wir einen Ton gemeinschaftlich über fünf Minuten halten sollten, Free-Hugs in der Fußgängerzone, sich minutenlang tief in die Augen schauen, etc. pp. Heute durften wir Walzer tanzen und dürfen das vermutlich morgen früh nochmal.

Dann ging’s richtig los: Referent ist heute Christian Kuhn mit seinen Erfahrungen aus der (inzwischen deutsch-portugiesische Company) https://www.nuisol.com. Seine andere Company ist https://gyant.com/, die sich v.a. durch eine elaborierte Nutzerführung auszeichnet.

Aus seinem Vortrag erscheinen mir folgende Punkte erwähnenswert:

  • Regel Nr. 1: Customers don’t care about your solution, they care about their problem.
  • Daher sollte man sich im Vorfeld Gedanken machen und erst dann entwickeln!! Was ist das Ziel? Welches Problem will man lösen? Darüber sollte man sich klar sein.
  • Es geht um Menschen, User Experience geht über Usabilty hinaus. Es geht um Erwartungen sowie um das Gefühl, das der User nach der Benutzung hat.
  • Und auch da ist vorab zu klären: Welche Experience soll erschaffen werden? Erfahrungen, die der Kunde bspw. mit der Website hat, ist Teil des Produkts.
  • UX ist Team-Work, je mehr Menschen mit unterschiedlichen Hintergrund daran arbeiten, desto mehr Diversität bekommt man rein.
  • Es ist vergleichsweise billig, auszuprobieren. Daher unbedingt testen, testen, testen.

Aber damit war’s dann auch noch nicht vorbei: Thomas Fickert, Gründer und CEO der DEXPERIO, zeigt uns aktuelle VR- und AR-Technologien. Interessant, was da heute schon geht. Interessanter noch seine Einschätzung, dass VR/AR in nächsten fünf Jahren extrem zunehmen wird.

Sonntag, 10. März, Spark Total Connectivity

Weiter in den Design Offices München, weiter mit einem guuut im Wind wankenden Gebäude, aber dafür auch weiter mit wunderbaren Farbenspielen am Himmel. Start war bereits 8:30 Uhr, da wir wie jede Shiftschool-Klasse auch die Aufgabe haben, ein Festival auf die Beine zu stellen. Ich habe da das Servus-KI-Festival unserer Vorgänger, der Class3, als beeindruckendes Moment erleben dürfen. Mal schauen, was wir wuppen werden. Termin und Titel stehen aber nach dieser morgendlichen Abstimmungsrunde final fest: Wir werden das Humanity-Festival am Donnerstag, 26. September ausrichten. Be prepared (and save the date…)!

Dann zum eigentlichen Inhalt des Tages, „Total Connectivity“ mit Johannes Start. AI mit NUI – Vorgehensweisen und Tools zur Erstellung von KI-unterstützen Natural User Interfaces am konkreten Beispiel der Alexa Developer Console. Das war ein Alexa Hands-on der Extraklasse. Ich habe in unserer dreier Projektgruppe eine Alexa Skill mitgecodet, die als Gegenstand hat, dass man* in der Ferienwohnung in Madeira Alexa fragen kann, wie das mit der Abfallentsorgung läuft. Und wow, es hat funktioniert. Allerdings nicht ganz ohne jede Vorbildung: Denn jeder von uns durfte bis dato schon einen JavaScript-Kurs an der Codecademy absolvieren. Dieser Kurs war für mich ein komplettes Verlassen der Komfortzone. Aber insbesondere mit der Hilfe der Sozial-Hydraulik der Shiftschool-Klasse hat sich jede/r durch diese Prüfung gebissen und nun hatten wir tatsächlich einen Anwendungsfall.

Mittags dann tatsächlich ein Walzer-Flash-Mob. Das war der Plan. Wegen wenig Zeit und v.a. Orkanwarnung war das semi-öffentlich. Ich war nicht wirklich böse darüber… Und dann ist das Shiftschool-Wochenende gegen 18:00 Uhr dann auch vorbei. Puhh.

Fazit

Nach diesen äußerst dichten drei Tagen weiß ich mal wieder nicht, wie ich die ganzen PS des Wochenendes neben den „normalen“ 200% Arbeitsauslastung auf die Straße bringen soll. Nun, smarte Selbstorganisation ist ein weiteres zentrales Moment der Shiftschool. Und auch die Kunst, loszulassen. An der Stelle aber auch mein Dank an meine fabelhaften Mitstreiter der Class 4 für dieses Wochenende.

Links

https://www.shiftschool.de/programm/classbook/classfour

http://www.gathsah.brieger.digital/wp-content/uploads/2019/11/HUMANITY-Festival-Flyer.pdf